Stiftungstradition

Schon im alten Rom gab es eine frühe, stiftungsähnliche Form der Linderung sozialer Not und der Förderung künstlerischer Talente. Im deutschen Raum gibt es seit über 1000 Jahren Stiftungen. Eine wichtige Gründungszeit war zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert. Vorwiegend waren es kirchliche Stiftungen, die mildtätigen und frommen Zwecken dienten.

Diese Stiftungen waren Träger von Hospitälern, Waisenhäusern und anderen kirchlichen Einrichtungen. Aber auch Könige, Adlige und Bürger bewiesen in hohem Maße ihren Glauben und ihre Wohltätigkeit mit der Gründung von Stiftungen. Die großen Hospitalstiftungen – auch in Stuttgart – legen darüber Zeugnis ab. Die bekannteste unter den älteren Stiftungen ist die Fugger-Stiftung in Augsburg, welche bis heute ihren Stiftungszweck erfüllt.

 

Barmherzigkeit und soziales Netz

 

Damals wie heute war es das Ziel der meisten Stiftungen, bedürftige Menschen zu unterstützen. Während sie früher als Barmherzigkeitsstiftungen für Arme, Alte und Kranke oft die einzige Möglichkeit darstellten, um zu überleben, ergänzen sie heute das soziale Netz.

Die älteste Stiftung Deutschlands befindet sich im bayerischen Schwaben. Die Hospital-Stiftung in Wemding wurde noch vor 950 n. Chr. gegründet als Zeichen tätiger Barmherzigkeit und unmittelbares Gebot des Glaubens – zum Wohle von Armen, Kranken, Witwen und Waisen.

 

Soziale Verantwortung

 

Eine weitere Blütezeit der Stiftungen entwickelte sich hierzulande im 19. Jahrhundert. Es gab praktisch keine Sozialsysteme. Aber durch das beginnende Industriezeitalter stand immer mehr Bürgern Kapital zur Verfügung, sie begannen soziale Verantwortung zu übernehmen. In dieser Zeit und aus diesem Geist heraus wurde von Bielefelder Bürgern die Anstalt Bethel gegründet.

 

Stiftungen sind Zeitzeugen

 

Das 20. Jahrhundert war für Stiftungen kein leichtes. Zwei autoritäre politische Systeme und die große Inflation der 20er Jahre machten dem Stiftungswesen schwer zu schaffen. Der Stiftergeist kam zeitweilig zum Erliegen. Diejenigen Stiftungen, welche ihre Mittel weise und langfristig angelegt hatten, erblühten danach aber wieder und erfüllten ihren Stiftungszweck so, wie ihn die Stifterinnen und Stifter seinerzeit festgelegt hatten. Stiftungen können also als Zeitzeugen und Dokumente vergangener Jahrhunderte angesehen werden, auch wenn sie keine in Stein gemeißelten Monumente sind.

 

Zukunft wird in der Gegenwart erschaffen

 

Aber Stiftungen sind nicht nur Relikte vergangener Jahrhunderte. Zukunft wird immer in der Gegenwart geschaffen. Aus diesem Bewusstsein heraus gibt es heute wieder verstärkt private Stiftungsinitiativen. Mehr und mehr Menschen erkennen, dass Wohlstand nur im verantwortungsvollen Miteinander der Gesellschaft gedeihen kann. Und eine Stiftung ist hier ein sehr modernes Instrument.

 

Württembergische Stiftungen

 

Stiftungen werden von Visionären, Pragmatikern, Wohltätern und vielen anderen unterschiedlichen Stifterpersönlichkeiten errichtet. Und so blüht auch in Stuttgart und Umgebung das Engagement seiner Bürgerinnen und Bürger. Das zeigt sich auch in der reichhaltigen Stiftungslandschaft, welche im Stiftungsverzeichnis des Regierungspräsidiums Stuttgart dargestellt wird. ie Lindenspürstiftung ist wohl die bekannteste ältere Stuttgarter Stiftung. Aber auch Namen wie Rudolf Knosp (Rudolf-Sophien-Stiftung), Gustav Siegle, Paul Lechler und besonders Robert Bosch stehen für eine wirkungsvolle Stiftungstradition in Württemberg.

1913 gab das damalige Stuttgarter Stadtschultheißenamt ein Verzeichnis Stuttgarter Stiftungen heraus. Nicht weniger als 844 Stiftungen fanden sich hier aufgelistet, gegründet zwischen 1350 und 1911. Wahrlich eine eindrucksvolle Demonstration sozialen Engagements von Adeligen, vermögenden Bürgern und Zünften.  

 

Stiften ist christlich

 

Das Christentum prägt seit Jahrhunderten das Welt- und Menschenbild unseres Landes und seiner Bürger. Viele Menschen, die etwas verändern und langfristige Wirkungen herbeiführen möchten, fühlen sich für die christlichen Kulturwerte verantwortlich. Stiften ist christlich, das zeigt schon der Blick auf die ältesten Stiftungen in unserer Region:

– Hospitalstiftungen zum Heiligen Geist Schwäbisch Gmünd (1269)

– Hospitalstiftung zum Heiligen Geist Schwäbisch Hall (1317)

– Hospitalstiftung zum Heiligen Geist Ellwangen (1485)

 

Als Mensch den Menschen Gutes geben

 

Ob die Stifter damals daran dachten, dass ihr Werk mehr als ein halbes Jahrtausend überdauern würde? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass ihre großherzige Stiftung ungezählten Menschen Hilfe aus Not, Leid und Verzweiflung brachte. Unsere Dankbarkeit, das ehrende Angedenken gilt ihnen noch heute. Im Gegensatz zu vielen vergessenen Wohltätern können wir uns ihrer noch erinnern. Den Himmel verdienen kann sich niemand, auch nicht durch eine Stiftung. Doch als Mensch den Menschen langfristig etwas Gutes geben, das können wir. Und so ist eine Stiftung auch immer eine Mahnung an die folgenden Generationen, nicht nur ans Hier und Heute zu denken, sondern Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.

 

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